Theater-AG

 

„Mädchen wie die“ – ein Ranking-Spiel bis aufs Blut (2018)

Die Theater-AG des Schubart-Gymnasiums spielte ein Cybermobbing-Drama.

21./22.02.2018: Schülerinnen und Schüler wie die (Kilian Bochinski, Mariella Bork, Clara Edelmann, Ferhat Hamurcu, Lucie Katzer, Mathias Kinzl, Jenny Pham und Annemarie Rasovan) spielten „Mädchen wie die“ von Evan Placey unter der Leitung von Lehrern wie denen (dem kreativen Kopf Richard Haupt und dem gewieften Textschreiber Günter Hautschek). Das Ergebnis war gleichermaßen beeindruckend wie emotional packend.

Die Geschichte ist außergewöhnlich und ist es auch nicht: Auf der Eliteschule St. Helen’s posten die Eliteschülerinnen ihre Bilder, bis ein Nacktfoto von Scarlett auf den Displays erscheint. Dieser Akt verbreitet sich in Windeseile – und selbstverständlich hat keine das Foto als Erste weitergeschickt. Scarlett ist eine Schlampe, so viel ist sicher. Ihre körperlichen No-Gos werden von Jungs und Mädels gleichermaßen unbarmherzig diskutiert.

Russells Nacktfoto dagegen, kein Problem: „Mann, hat der einen Körper — er ist ja auch ein Junge.“ Das ist der Unterschied, denn „Ein Schlüssel, der eine Menge Schlösser aufkriegt, ist ein guter Schlüssel. Aber ein Schloss, das eine Menge Schlüssel öffnen können, ist ein echt beschissenes Schloss.“

Dann ist Scarlett nicht mehr da — nur virtuell oder echt? Und was ist echt? Am Ende ist Scarlett doch nicht tot. Appelliert sogar an die Anderen: „ Ihr seid die Spieler, ihr könnt etwas ändern.“ Die Einsicht der Anderen ist gering, sie halten trotzig an der Hackordnung fest: „Wir glauben an St. Helen’s, wir glauben an das System.“ Es bleibt das Verdrängen – in der Hoffnung, dass es nach vielen Jahren gelingt.

Nichts auf der Bühne lenkt von den Personen ab, die — die Fassade bis ins Groteske gesteigert — ein ums andere Mal ihre böse Fratze zeigen. Nicht direkt, denn man ist ja wohlerzogen, dafür umso zynischer und gemeiner. Den Schülerinnen und Schülern — allesamt aus Klasse 9 und 10 — gelingt diese schizoide Meisterleistung durch bestechende Mimik, ausgefeilte Körpersprache und den Mut, die Stille manchmal bis zum Brechen zu zerdehnen. Expressive Tanzszenen runden ab und mischen auf. Jede ist einmal Scarlett. Keine kann sich entziehen — auch die Zuschauer nicht. Denn auch sie spielen eine Rolle: „Meine Mutter sagt nie etwas. Warum tun die Lehrer nichts?“ Langanhaltender Beifall und Begeisterung für Spiel und Regie allenthalben! | Simone Robitschko

Gedanken zu Mädchen wie die („Girls like that“) von Evan Placey

Wir haben Paceys Stück (uraufgeführt 2016), das sein Autor eine „böse Komödie“ nennt, für unsere Theater-AG eingerichtet, mit aus Improvisation hervorgegangenen Szenen ergänzt und einen eigenen Schluss erarbeitet.

Der Hühnerhof der Schule: „Wenn die Hühner aufeinander losgehen, wenn die so richtig ernst machen, können die sich bis aufs Blut hacken. Und dann muss man richtig aufpassen, weil, wenn die Blut sehen, die anderen Hühner, können die sich in mörderische Bestien verwandeln. Die hacken so lange weiter, bis immer mehr Blut fließt.“ (Szene 1)

St. Helen’s ist eine besondere Schule. Jedes Jahr werden nur die 20 besten Mädchen aufgenommen. Sie werden von der fünften bis zur letzten Klasse alles gemeinsam machen. Sie wissen alles voneinander (auch wo es am meisten wehtut). Sie halten zusammen (auch wenn es gegen eine von ihnen selber geht).

Mit der Schule, spätestens, beginnt auch der „Hennenkampf“ der Mädchen gegeneinander: das Ringen um den Status, den Platz in der Rangordnung (neudeutsch: im Ranking). Eine steht ganz oben, manche knapp darunter, einige besetzen die Mitte (ein bequemer Platz!), ein paar können sich immerhin sagen: „Gottseidank bin ich nicht die Letzte!“ Aber eine ist ganz unten, eine muss die Letzte sein; das ist in Hackordnungen nun mal so. Und wer auf St. Helen’s ist, kennt die Hackordnung.  

Den Hühnerhof abschaffen? Für Mädchen wie die, für Jungen wie die — für Menschen wie uns — sollte gelten: Wir sollten weniger beschämen. Wir sollten uns schämen, dass wir Ungerechtigkeit hinnehmen und zulassen, dass man Menschen zu Opfern macht. Und wir sollten uns fragen, ob wir das Prinzip Hackordnung nicht endlich unseren tierischen Erdmitbewohnern überlassen können.

Die Theater-AG des Schubart-Gymnasiums hat eine lange Tradition. Meist bringen die Schülerinnen und Schüler Eigenproduktionen auf die Bühne, die selbst mit Anleitung entwickeln und schreiben oder die als Adaptionen aus literarischen Vorlagen hervorgehen. Dabei setzt Theater aufs Spiel: Spiel mit Kostümen und Requisiten, mit Rollen und Identitäten. Du darfst auf der Bühne jemand ganz anderes sein!

Tonnenfieber: „Entmüllen! Nicht für die Tonne leben!“ (2017)
  • Alex: Marie-Louise Bachmann (K2)
  • Lulu: Alexandra Ittner (K2)
  • Marie: Adeline Rasovan (K2)
  • Sam: Anastasia Morgun (K2)
  • Josh/Hüseyin: Ferhat Hamurcu (9b)
  • Plakat: Ferhat Hamurcu
  • Spielleitung und Text: Richard Haupt, Günter Hautschek

„Rätselhaftes Tonnenfieber – die Seuche greift um sich!“ Sie vermissen Ihre Kinder? Als Sie sie in die Schule fahren wollen, sind sie einfach nicht da. Du vermisst deine Freunde? Als du sie auf WhatsApp kontaktieren willst, sind sie schon seit Minuten, nein: Stunden! –nicht mehr online. Dafür gibt es nur eine Erklärung:

Immer mehr Jugendliche verlassen ihr schützendes Zuhause und siedeln sich in Müllkolonien an. Schulen im ganzen Land stehen leer. Tonnenparks blühen auf – zu Hunderten, ja Tausenden! Verzweifelte Eltern schwärmen aus, suchen landauf, landab nach ihren Sprösslingen und fordern den Einsatz von Polizei und Militär. Bundesregierung und Landesregierungen zeigen sich alarmiert. (Schwäbische Post, 31.6. 2017)

Stellen wir uns vor: Vier Jungmenschen, zufällig weiblichen Geschlechts, finden sich in einem Ambiente, aus Abfall, Weggeworfenen, wild in die Landschaft ‚Entsorgtem’ vor. Dahin getrieben hat sie eine seltsame Fiebererkrankung, die nur Jugendliche befällt: das Tonnenfieber. Sie versuchen sich einzurichten, improvisieren und organisieren –mehr schlecht als recht- ein Gemeinschaftsleben mit Regeln und einer direkt-demokratischen ‚Vollversammlung‘ aller vier Tonnenflüchterinnen.-

Da taucht unverhofft/unverlangt ein Fünfter auf, ganz ohne Fieber und auch sonst irgendwie ziemlich anders: die Wohlstandsflüchter treffen auf einen ‚echten’ Flüchtenden. Und er auf sie.

Werden sie ihn aufnehmen oder wegbeißen? Können ziemlich unterschiedliche Typen, die vieles aus ihrem alten Leben beendet haben (oder beenden mussten), etwas (Neues) miteinander anfangen? Und was kann man mit dem Müll, den Dingen im Endzustand, ‚beginnen‘?